PCI Gazette Gazette 40, Juni 2011

Zirkusarbeit

Nadine Fitzgerald

Zirkusarbeit

Persönliche Erfahrungen insbesondere mit meinem lieben, aber schwer zu motivierenden Isi Bleikblesi brachten mich auf die Idee meine Gedanken zur Zirkusarbeit für die Gazette zusammenzufassen.

Der Beweggrund mit Pferden zirzensische Lektionen und kleine Geschicklichkeitsübungen einzustudieren sind natürlich für jeden etwas unterschiedlicher Natur. Lässt sich über die Spielereien ein introvertiertes Pferd etwas aus der Reserve locken, kann umgekehrt ein nervöses Pferd zu mehr Ruhe und Konzentration finden.

Vorteile fürs Pferd

Zirkusarbeit bietet hervorragende Möglichkeiten ein Pferd zum Mitmachen zu bewegen, denn beim Einstudieren einer Übung entstehen zahlreiche Momente zum Loben. Oft gelingt momentgenaues Loben am Boden leichter als im Sattel, weil die richtigen Reaktionen schneller erfasst werden und so das Pferd eine unmittelbarere Rückmeldung über richtiges oder unerwünschtes Verhalten erhält. Versteht das Pferd, dass das Verlangte ganz einfach und überhaupt nicht anstrengend ist, macht es bald mit Begeisterung mit. Fürs Loben eignen sich neben Leckerlis, die Stimme, eine Pause oder ein Streicheln. Wird mit Futter gelobt, ist die Aufmerksamkeit des Pferdes manchmal mehr bei der Jackentasche des Besitzers als bei der Aufgabe selber. Weiss das Pferd allerdings, dass das Futterlob nur nach korrekter Ausführung der Aufgabe erfolgt, nachdem es sich konzentriert und bemüht hat, sind Leckerlis natürlich nichts entgegenzusetzen. Generell gilt, der Besitzer gibt das Futter, das Pferd holt es sich nicht.

Zirkuslektionen sind fürs Pferd eine Abwechslung. Zur Arbeit unter dem Sattel oder an der Longe macht es hier noch einmal andere Lernerfahrungen, die zusätzlich zu seiner Entwicklung beitragen. Viele der Übungen fördern seine Geschicklichkeit, sein Körpergefühl und die Koordination. Begünstigt einerseits die Langsamkeit, mit der viele zirzensische Lektionen ausgeführt werden, die Konzentrationsfähigkeit, hilft uns andererseits nicht selten der Überraschungseffekt der ungewohnten Aufgabenstellung die Aufmerksamkeit des Pferdes zu gewinnen.

Vorteile für den Besitzer

Wer mit dem Pferd ein Kunststück einstudieren möchte, muss sich dem Pferd mitteilen können und die Reaktionen des Pferdes zu deuten wissen. Zirkusarbeit setzt zwar bereits eine zumindest im Ansatz geklärte Rangordnung und gegenseitiges Vertrauen voraus, trägt aber auch zur weiteren Verfeinerung der Beziehung und zu verbesserter Kommunikation bei.

Zirkus- und Bodenarbeit bieten sich somit auch dann an, wenn sich Pferd und Besitzer noch nicht so gut kennen. Beim Üben der verschiedenen Schaubilder lernt der Besitzer nach und nach die verschiedenen Kommunikationsmittel wie Stimme, Gerte und Körpersprache auf sein Pferd abzustimmen und entsprechend zu dosieren.

Für Kinder

Typischer Kinderreitunterricht vernachlässigt trotz der vielen Aufklärungsarbeit durch die Medien den Aufbau einer Beziehung zum Pferd leider immer noch oft komplett. Der Unterricht beschränkt sich aufs Technische und nicht selten ist nicht einmal das gut umgesetzt. Kinder sollten doch eigentlich lernen, wie die Pferde ticken, sie sollten Vertrauen zu ihnen aufbauen und ein Gefühl für sie entwickeln können. Dazu bietet sich neben dem Reitenlernen der Einbezug von Bodenarbeit an. Voraussetzung ist aber natürlich wie beim Reitunterricht auch folgsame Pferde, welche die Übungen beherrschen. Fröhliche, lachende Kinder, die erst noch schneller geschickter werden, anstelle starrer, todernster Lektionen wäre doch ein erstrebenswertes Ziel. Den Pferden würd’s gefallen!

Was

Am Anfang stehen Führübungen. Wünschenswert ist, dass das Pferd anhält, wenn der Besitzer anhält und erst losläuft, wenn dieser das Kommando dazu erteilt hat. Mit jungen Pferden können die Bahnfiguren abgeschritten werden. Führen über oder durch Stangen und/oder mit Körperbandage verbessert die Geschicklichkeit des Pferdes. Auch das Einüben der Bergziege kann bald eingebaut werden. Tendiert allerdings ein Pferd dazu, beim Heranholen der Hinterhand in der Vorhand rückständig zu werden, ist in diesem Falle wohl weniger mehr. Viele Ideen für eine abwechslungsreiche Bodenarbeit und erste kleine Geschicklichkeitsübungen schlägt die Tellington-Methode vor. Hindernisparcours, wie sie Alfonso Aguilar aufbaut, bieten sich in diesem Stadium ebenfalls an.

Ist eine gute Basis etabliert, kann mit den Zirkuskunststücken begonnen werden. Die Klassiker sind Spanischer Schritt, Kompliment, Plié, Knien, Hinsitzen und Hinlegen. Verschiedene wirklich gut aufgebaute Anleitungen zum Einstudieren finden sich in Fachbüchern zur Thematik oder auf entsprechenden DVDs. Wer verstanden hat, wie Pferde lernen, der kann nun aber auch prima seine eigenen Ideen einbringen. Nasenball, etwas bringen, holen oder aufheben, auf einem Brett balancieren, mit zwei oder vier Beinen aufs Podest klettern, Kopf schütteln, ein Bein auf Kommando in einen Reifen stellen, auf dem Pferd stehen oder Mensch in den Hintern stubsen sind nur einige Vorschläge. Viele Pferde lernen schnell auf Appell zu ihrem Besitzer herzukommen oder ihm zu folgen. Klappt dies im Trab oder sogar Galopp wird’s richtig lustig. Spektakulär, aber sicher eher für Fortgeschrittene sind Sprünge über Feuer, Reiten mit Fackel, Steigen oder Seilspringen.

Trotz aller Begeisterung für Tricks und Kunststücke soll das Pferd sie selbstverständlich nur ausführen, wenn der Besitzer dies verlangt. Tut das Pferd es unaufgefordert, muss dies sofort unterbunden werden, weil es sonst durchaus zu Verletzungen kommen kann. Man stelle sich nur einmal vor, ein Pferd holt plötzlich zum Spanischen Schritt aus, während man das Zaumzeug auf der Nase gerade rücken möchte!

Mehr Info

Besonders gefallen haben mir die Bücher von Bea Borelle. Auch ihre DVDs sind sehenswert. Neu gibt es eine DVD-Trilogie von Peter Deicke mit vielen guten Ansätzen und schlagkräftigen Argumenten. Andrea Jänisch plant für Juni 2011 in Fehling einen Themenbruch zu Bodenarbeit und Zirkuslektionen. Praktische Vorführungen und die Möglichkeit unter Anleitung zu üben werden die theoretischen Ausführungen abrunden. Als Mitwirkende im Pferdemusical “Le Prince” verfügt sie über einen reichen Fundus an Erfahrungen.

Zum Staunen

Frédéric und Jean-François Pignon! Live sicherlich ein besonderes Erlebnis! Schon You Tubes geben aber eine Idee über ihr unglaubliches Talent. Man fragt sich, schlägt ihr Herz im Rhythmus mit demjenigen der Pferde? Das Vermögen sich so tief in die Natur der Pferde hineinzuversetzen ist sehr berührend!

Nadine Fitzgerald