PCI Gazette 41, Dezember 2011

WM der Paso Finos in Puerto Rico

Carla Tschümperlin

Alle 2 Jahre zieht es die Paso Fino Aficionados an das Highlight der Paso Fino Szene. Confepaso, der Weltverband der Paso Pferde führt die Weltmeisterschaft durch. Dabei waren nicht nur die weltbesten Paso Finos zu sehen, sondern auch Trocha und Trote y Galope  wurden gezeigt.

Am Mittwoch wurde das Turnier mit einem Cocktail in einem historischen Gebäude in Vejo San Juan unter freiem Himmel eröffnet. Mit gutem Essen und karibischer Musik feierte eine fröhliche Schar Pferdeleute aus verschiedenen Kontinenten das Wiedersehen.

Auch die Pferdeathleten wurden aus Ländern wie Kolumbien, USA und der Dominikanischen Republik eingeflogen. Ein riesiger und kostspieliger Aufwand für die Besitzer und Trainer.

Das Turnier startete mit Zuchtklassen und Bellas Formas. Denn Confepaso hat nebst der sportlichen Leistung immer auch die Zuchtqualität der Pferde im Fokus.

Hinter den Kulissen

Bevor ein Pferd in seiner Klasse starten kann, wird im Warteraum ein Vetcheck durchgeführt. Der kolumbianische Chefveterinär, der an allen grossen Turnieren die Vetchecks durchführt, ist der imposante „Pacho“ Londono, mit dem ich bereits früher viele Stunden beim Vetcheck verbracht habe und von ihm schon sehr viel über Pferde lernen konnte. Ausserdem sieht man dort die Top Pferde ungesattelt und kann sich ein komplettes Bild machen.

Ein Team von drei Veterinären und einem Hufschmid ist mit der Aufgabe betraut, die Pferde als turnier- und reglementstauglich einzustufen.

Zuerst wird der Microchip abgelesen, danach werden anhand der Zähne das Alter kontrolliert und Fehlstellungen protokolliert. Das Pferd wird von allen Seiten begutachtet, und u.a. wird auch die Mindestgrösse nachgemessen.

Ein Hufschmid checkt den Beschlag, macht Fühltests auf allen Hufen und lässt vortölten. Wenn der Chefveterinär das Pferd freigibt, steht ein Richter bereit, um Sattel und Zaumzeug auf Konformität zu überprüfen. Das Pferd muss vor dem Richter aufgezäumt und gesattelt werden. Falls das Pferd widersetzlich ist, wird es noch im Warteraum strikte wegen Ungehorsams disqualifiziert.

Champions erst in den Morgenstunden

So kam es, dass grosse Klassen mit mehr als 35 Pferden Verzögerungen verursachten, welche den Richtern ausgiebige Pausen und dem Publikum ein Turnier bis morgens um 2 Uhr bescherten.

Wer die besten Pferde sehen wollte, musste wach bleiben, denn die Highlights kamen zum Schluss. Die Euphorie, welche über die drei Tage herrschte, das aktive Publikum und karibische Rhythmen halfen mit, bis in die Morgenstunden auszuharren.

Stutenklassen

Jedem Züchter schlug das Herz höher, als die Stuten im Doppelzügel bis top ausgebildet eifrig ihre Leistungen zeigten. Das Highlight bei den Stuten war für mich die graue Stute Nefertitis de LM mit ihrem sympathischen Reiter Fonsi Abreu. Selten habe ich eine derart gut gebaute und athletische Stute gesehen, welche nebst perfekter Gangmechanik auch viel Herz hatte. Leider schied sie wegen kaum hörbarer Trocha vorzeitig aus. Ich war wohl nicht die einzige, die das bedauert hat.

Hengstklassen

Bei den Hengsten gab es für mich gleich nochmals ein Highlight. Ein grauer Junghengst eroberte mein Herz im Sturm. Quinto Elemento de Paso Hondo, ein Sohn von Tormento de la Virginia, mit einer perfekten Gangmechanik und unglaublichem Arbeitswillen. Und siehe da…die Mutter ist Nefertitis de LM. Leider fehlte mir das nötige Kleingeld, um ihn als Souvenir nach Hause zu nehmen.

Es war auffällig, wie viele Tormento de la Virginia Nachkommen an diesem Turnier in den Top 6 platziert wurden. Tormento erhielt dadurch die prestigiöse Auszeichnung des Jefe de Raza. Tormento wurde im Anschluss an einer Sonderschau gezeigt. Der schwarze Hengst konnte einmal mehr eindrücklich beweisen, was für ein unglaubliches Gangvermögen in ihm steckt. Sein kolumbianischer Besitzer, Don Hernando Mario Restrepo, sass dann zum Schluss auch stolz auf seinem Hengst und genoss das  bewundernde Bad in der Menge.

Die Hengstklasse wartete noch mit einer weiteren Überraschung auf. Da der Trainer von El Aprendiz de Colores kein Einreisevisum erhalten hatte, entschied sich der dominikanische Besitzer Mario Heinsen kurzerhand, den Top Hengst selbst zu reiten. Mit viel Nervenkostüm ritt er den reiterlich delikaten und sehr rhythmischen Hengst zum Sieg.

Championships

Leider schied El Aprendiz de Colores jedoch am Sonntag wegen einer ganzen Länge leichter Trocha auf dem Fino Strip in aus.

Überhaupt liessen die Richter auch nicht den Hauch von Trocha zu. So wurde z.B. auch der Top Favorit, der erst 5-jährige Sublime de Dona Lola, deswegen disqualifiziert. Nicht nur das Publikum reagierte mit viel Unverständnis, weil man seinen Favoriten ausscheiden liess. Wenn man weiss, wie nahe diese absoluten Gangfeinheiten zwischen Perfektion und Ausscheiden liegen, kann man verstehen, dass es nicht nur dem Publikum, sondern auch den Richtern Leid tat, diese tollen Spitzenpferde frühzeitig nach Hause zu schicken.

Die Halle war am Sonntag fast voll, und es herrschte eine Bombenstimmung. Jeweils die ersten zwei Pferde aus den verschiedenen Modalitäten Trocha, Trocha y Galope, Trote y Galope, Pleasure, Performance und natürlich Paso Fino,  trafen unabhängig der Altersklasse aufeinander.

Ausser der Fino Klasse konnten die teilnehmenden Pferde in den anderen Modalitäten trotz Weltmeistertitel nicht in der Top Klasse angesiedelt werden.

Im Bereich Trocha und Trote y Galope findet man in Kolumbien wesentlich bessere Pferde als hier gezeigt, scheuen doch viele Züchter den Aufwand der Reise.

Bei den Pleasure und Performance Pferden waren ausser der Gewinnerin der Performance Stuten keine Pferde da, die auch in den USA Gewinnchancen hätten. Hier zeigt es sich, dass diese Disziplinen in den Ursprungsländern noch nicht dieselbe Gewichtung haben, wie in den USA oder in Europa. Schade, denn genügend talentierte Pferde wären da!

Die Elite der Paso Finos jedoch war vollzählig. Top Stuten und Hengste kämpften mit voller Konzentration und unglaublich athletischen Leistungen um die begehrten Titel.

Kaum Frauen

Auch 18 Jahre nach der ersten Teilnahme einer Frau an einem Mundial, als ich mit einem Trote y Galope Hengst teilnahm, sind die Frauen im Profi Feld absent. Ausser Alei Ortiz, USA, sass keine einzige Frau im Sattel einer Profiklasse. Bei der neuen Prüfung „Owners to ride“ hingegen waren die Frauen schon mutiger, und sechs Frauen nahmen teil. Sie erzielten recht unterschiedliche Ergebnisse. Es scheint, dass hier noch ein langer Weg zu gehen ist, bis Frauen ihr Reittalent auch auf dieser Seite der Erdkugel unter Beweis stellen werden.

Für meine Freundin Melba Figueroa, Hacienda Don Carmelo, habe ich mich besonders gefreut. Sie hat mit der Teilnahme ihrer Pferde zwei ehrenvolle Auszeichnungen errungen: Beste Züchterin und Beste Ausstellerin des Mundials 2011.

Für einen Züchter sind dies sicher höchste Auszeichnungen für Jahre harter Arbeit. Ihre Nichte, Nachwuchsreiterin Angela Rodriguez, hat nicht nur beste reiterliche Voraussetzungen, um in ihre Fussstapfen zu treten, sondern auch den nötigen Ehrgeiz, als Frau in dieser Männerdomäne ihren eigenen Weg zu gehen.

Der Sonntag ging mit einer kleinen Fiesta nach kolumbianischer Manier zu Ende. Wir ritten Pferde zu live Musik und genossen den Rausch, den nur tolle Spitzenpferde und eine grosse, liebgewonnene globale Pferdefamilie verursachen können.

Eines musste ich allerdings lernen; dass ich kein Facebook Profil habe, stiess bei meinen südamerikanischen Freunden auf derartiges Unverständnis, dass ich schon fast sozial tot geglaubt wurde…

Einmal mehr war dieser Mundial ein unvergessliches Erlebnis. Der nächste Mundial de Confepaso findet 2013 in Miami statt. Eine gute Gelegenheit, sich dieses Turnier nicht entgehen zu lassen!

Der nächste Mundial de Equitation Jinetes y Amazonas (für Kinder und Jugendliche) findet vom 8. – 15. Juli ebenfalls in Miami statt. Die Confepaso Delegierten haben mir erzählt, dass auch Kinder aus der Schweiz gerne an den Mundial gehen möchten. Vielleicht sollte Europa als Region halt doch wieder ihre Mitgliedschaft aktivieren, damit Kinder diese Faszination erleben können, die ich schon damals als 12-jährige in Puerto Rico hatte.  Damals schwor ich mir: Ich will da wieder hin und will in dieser Arena reiten. Dort, wo Emotionen auch die stärksten Macho Männer zu Tränen rühren.

Carla Tschümperlin