PCI Gazette Gazette 39, Januar 2011

Tieldones

Aloys Tschümperlin

Die Zucht von töltenden Pferden – geschichtliche Hintergründe

Tieldones  –  die begehrten Reisepferde des Mittelalters
Bis vor zirka 40 Jahren, das heisst seit der Renaissance der Tölter in Westeuropa, war die Zucht von Töltern kein Thema für die Pferdefreunde unserer Breitengrade. Man hatte zwar im Geschichtsunterricht von „den schlohweissen Zeltern“ gelesen, auf welchen Prinzessinnen oder kirchliche Würdenträger zu Hochzeiten bzw. Konzilien ritten.

Auf meine Frage, was Zelter seien, bekam ich von meinem damaligen Lehrer die Antwort: „Meistens weisse, besonders folgsame Pferde, die längst ausgestorben sind!“ Damit war der Begriff klassiert und man kümmerte sich nicht mehr darum. Wenn man sich nun Gedanken über das Thema „Zucht von töltenden Pferden“ machen will, so muss man zuerst einen Blick in die Vergangenheit tun, in die Zeit, als die Zelter zum Alltag gehörten.

Blick in die Vergangenheit
Wenn jemand im finsteren Mittelalter reisen wollte oder musste, hatte er zwei Möglichkeiten: entweder zu Fuss oder zu Pferd. Begüterte Reisende ritten „Zelter“, die damals auf dem europäischen Kontinent überall mit dem örtlichen Zuchtmaterial nach sehr individuellen Vorstellungen gezüchtet wurden. Im damaligen Frankreich zum Beispiel gab es so viele Typen von „bildet d‘allures“ (kleines Reitpferd mit verschiedenen Gängen), wie es Feudalherren gab: jeder züchtete mit dem, was an Passgängern (meistens bretonische oder normannische Palfrois bzw. Haquenés) zur Verfügung stand, oder was man sonstwie habhaft machen konnte, z.B. töltende Ponys von beiden Seiten der Pyrenäen. Reisepferde, die Zelter, waren ein kostbares Gut, begehrt von Freund und Feind. Nach dem Jahr 1000 nach Christus, d.h. zirka 300 Jahre nach dem ersten Maureneinfall in Iberien, begann die Blütezeit der iberischen Tölter, der Tieldones. Thieldon war die Bezeichnung der Römer für edle, vorwiegend iberische Tölter (von thieldo, thiall, Zelte, telt, Tölt). Töltende Ponys aus Nordiberien (Asturcones, Galiceños, Garanos, Sorraias) und die eleganteren Jacas, gekreuzt mit töltenden Berbern und südiberischen Pferden, bildeten das Zuchtmaterial der Tieldones, wie wir sie von Wandbehängen der Kathedralen von Bayeux, Angers usw., und Gemälden aus der Renaissance kennen.

Was man anstrebte, waren angenehm zu reitende Pferde, die ihre Aufgabe  –  das Überwinden von grossen Distanzen und schwierigen Wegen  –  optimal bewältigten. In jener Zeit bezahlten irische und englische Adelige Unsummen in damaliger Währung für spanische Tieldones. Trabgehende Pferde waren dannzumal Arbeitspferde, verhältnismässig billig in der Anschaffung und ungeeignet zum Reisen, da der Trab nur ausgesessen, im Spaltsitz, geritten wurde.

Als Kolumbus vor 500 Jahren zu seiner zweiten Reise aufbrach, hatte er, laut Berichten, nicht die edelsten Tölter bei sich (20 Hengste und 5 Stuten), aber die robustesten und offenbar auch ponyähnlichsten, die er mit den ihm zur Verfügung stehenden Mittel auftreiben konnte. Die Kolumbus nachfolgenden Abenteurer und Kolonisten brachten weitere Passgänger mit nach Übersee und legten den Grundstein für die zahlreichen Gangpferderassen von Süd- und Nordamerika, die wir heutzutage kennen.

Wieder waren es die spanischen Tieldones, welche ihre Herren durch die Weiten der neu entdeckten Kontinente trugen. Unbeeinflusst von den Anforderungen des höfischen Reitens und dem darum herum entstandenen „Firlefanz“, züchteten die Kolonisten die Pferde, die sie für Arbeit und Krieg brauchten, und entwickelten so ihre eigene Reitkultur, ihre eigenen Töltrassen, Sattlungen, Zäumungen und Ausbildungsmethoden. Eingebracht wurde auch trockenes, mediterranes Flair für Stil, Eleganz und Prestige.

Doch wie entwickelten sich die Zelter nun hier im alten Europa? Bis ins 18. Jahrhundert hinein erfreuten sie sich grosser Beliebtheit, um anschliessend ziemlich schnell aus den Ställen zu verschwinden. Was mögen die Gründe dafür sein, dass die jahrhundertelang so geschätzten Zelter in die Randgebiete der damaligen Zivilisation abgeschoben wurden, sich dort weiterentwickelten als Arbeits- und Reisepferde, aber ihre Bedeutung im kontinentalen Europa verloren hatten? Antworten gibt auf diese Fragen indirekt ein Aufsatz des bekannten Hippologen, Michel Henriquet, „A la recherche de l‘école de Versailles“, gegründet von Louis XIII, 1614, welche bis zur französischen Revolution bestand. Henriquet lieferte Zahlenmaterial über den Aufwand, mit welchem an den Höfen, in diesem Fall am französischen Hof, das Reiten und das Schulreiten als der beliebteste Sport der Noblesse betrieben wurden. Unter all den Tausenden von Leuten, die in den königlichen Ställen und in der Reitschule arbeiteten, und zirka 4500 fast ausschliesslich iberische Pferde betreuten und beritten, gab es immer nur einen „écuyer ambleur et ses palfreniers“ (Bereiter von Zeltern und seine Pferdepfleger und Helfer). Das zeigt deutlich, dass das Reiten der Hohen Schule, von Adeligen, d.h. von Offizieren betrieben, den Zelter, welcher da am Ende seiner gangmässigen Möglichkeiten ankommt, ins Abseits drängte. Aus jener Epoche wird auch in der deutschen hippologischen Literatur oft vom schulmässigen Passgang berichtet, um Pferde vorzubereiten für den Gebrauch von noblen Damen, die ihre Kavaliere zur Jagd begleiteten. Die adligen Schulreiter interessierten sich aber nur noch am Rande für die Zelter.

Inzwischen hatte man begonnen Strassen zu bauen, bald fuhren die ersten Postkutschen; der Reisende war nicht mehr unbedingt aufs Reitpferd angewiesen, und die Nachfrage nach Reisepferden nahm ab. Dazu kamen die militärischen Anforderungen und das damit verbundene Exerzieren und Formationen reiten; ausserdem waren Zelter für die berittenen Truppen viel zu teuer. Die Reittechnik änderte sich, man begann „englisch“ zu traben, und so wurde es annehmbar einen „boneshaker“, (bzw. „tapecul“) zu reiten.

Im 19. Jahrhundert dann verschwand in Westeuropa der Zelter fast gänzlich; der Gang wurde als unrein und krankhaft bezeichnet und nach den einst so hoch gepriesenen Tieldones bestand keine Nachfrage mehr. Interessant ist dabei festzustellen, dass auch bei den Trabpferden, welche für das höfische Reiten benutzt wurden, wieder iberische Pferde die begehrtesten waren, aufgrund ihres natürlichen Talents für die Übungen der Hohen Schule. Trotz der Ungnade, in welche die Zelter in Westeuropa gefallen waren und sie in Vergessenheit geraten liess, lebten sie weiter  –  in Island, Süd- und Nordamerika, China, der Mongolei, Indien, Russland und so weiter. Führende Hippologen stellten fest, dass noch heute siebzig Prozent der Equiden auf der Welt Lateralgänger, d.h. Passgänger sind, und damit die Voraussetzungen für den gebrochenen Passgang, den Zelt oder Tölt, besitzen.

Entgegen der landläufigen Meinung ist neben Schritt, Trab, Galopp auch der Passgang eine Grundgangart der Equiden. Was man dabei zuwenig beachtet, ist, dass der Passgang bei weitem die variabelste Gangart des Pferdes ist. Man kann sich das leicht vorstellen, wenn man auf der einen Seite den enormen Raumgriff und die Schnelligkeit eines amerikanischen „Standardbreds“ vor dem Sulky betrachtet, andererseits den Tölt in höchster Versammlung, d.h. dem“Classic Fino“ des Kolumbianischen Paso Finos. Dazwischen gibt es nun jegliche Geschwindigkeit und jegliche Ausführung des Tölts, wie immer er auch heisse und in welcher Variante des Viertakts er geritten wird. Daraus dürfte auch klar werden, dass es nie einfach war, Zelter auszubilden.

Die Renaissance der Zelter in Kontinental-Europa
Es sollte zwei Jahrhunderte dauern, bis die ersten Passgänger, die Isländer, Ende der fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts offiziell auf unseren Kontinent zurückkehrten. Was in der Folge passierte, kennen viele von Ihnen, und man kann das Geschehen in allen Details in der beeindruckenden Zusammenfassung von Ursula Bruns in „Gangpferde, die Geschichte ihrer Wiederentdeckung auf dem Kontinent“, nachlesen.

Tatsache ist, dass sich in den letzten 40 Jahren das Interesse an Töltern stark entwickelt hat und die Zahl der Töltbegeisterten von Jahr zu Jahr steigt. Wenn damals jemand behauptet hätte, es würden innerhalb von vier Jahrzehnten mehr als 50‘000 Isländer allein in Westdeutschland stehen, wäre er ausgelacht worden. Gerade diese Rasse hat in den letzten 40 Jahren durch einzelne Züchter und durch die Zuchtorganisation der IPVZ grosse Zuchtfortschritte gemacht. Die heutigen, gut gezogenen und ausgebildeten Isländer haben, so scheint mir, nur noch wenig Gemeinsames mit den „Knorrigen Burschen“, die wir vor 40 Jahren aus Island bekamen, mit denen wir uns, so gut es eben ging, zusammenrauften und auf denen wir zum ersten Mal den Tölt, den gebrochenen Passgang, fühlen konnten. Ein Erfühlen, das dann in der Folge auf der Suche nach dem Tölt so viele Entwicklungen auslöste. Den Zuchtfortschritt in der Reinzucht der Islandpferde erreichten die Züchter in Deutschland durch harte Selektion. Nachdem der Wert eines Tölters auf dem Kontinent manifest geworden war, schlossen sich diesen Bemühungen auch die Isländer selbst an.

Die nächsten zwei Rassen, welche 1973 auf den europäischen Kontinent kamen, waren Peruanische Pasos und Kolumbianische Paso Finos und Kreuzungsprodukte dieser beiden Rassen. Beide Rassen haben einen absolut genetisch fixierten Tölt, welcher sich zwar in der Kadenz unterscheidet und leicht differierende Ausbildungsmethoden haben. In der Folge nun wurde die Töltveranlagung der Traber entdeckt. Die ersten brasilianischen Mangalarga Marchadores wurden nach Deutschland importiert.

Kurz darauf erschienen zwei alte amerikanische Rassen, das Tennessee Walking Horse und als letztes das American Saddlebred. Die letzteren waren aus den Bedürfnissen der Plantagenbesitzer im Süden der Vereinigten Staaten und der konföderierten Armee entstanden und haben sich zu konsolidierten Rassen mit geschlossenen Stutbüchern entwickelt.

Zwischenzeitlich hörten wir von russischen Töltern. Einzelne Exemplare waren bereits zu sehen, und in jüngster Zeit berichteten Freunde von Töltenden Kashmiris, ausgesprochen schönen chinesischen Töltern und drei verschiedenen töltenden Pferdentypen in der Mongolei. Ihr Status ist der von Gebrauchspferden, und sie nehmen noch die gleiche Stellung ein wie ihre Artgenossen vor 250 Jahren in Europa.