PCI Gazette Gazette 39, Januar 2011

Rinderarbeit

Nadine Fitzgerald

Rinderarbeit bei Andrea Jänisch und Herman Willemsen auf  El Rocio

Jahrelange Kuhphobikerin kuriert!

Ein zur Salzsäule erstarrtes Pferd, wenn weit entfernt am Horizont ein Kuhkopf auftaucht, kommt Ihnen das bekannt vor und Sie möchten das Problem angehen? Interessieren Sie sich für Rinderarbeit zu Pferd? Hier ein Erfahrungsbericht.

Während meines Reiterurlaubs bei Andrea Jänisch und Herman Willemsen stand am dritten Tag Rinderarbeit auf dem Programm. Diese Gelegenheit wollte ich nutzen, um meine kuhphobische Stute Nýpa unter Anleitung einer erfahrenen Person an Kühe zu gewöhnen. Die kleine Zebuherde auf El Rocio ist dafür ideal: Die Tiere sind etwas kleiner und scheuer als die bei uns üblichen Kuhrassen und lassen sich gut treiben. Ein ängstliches Pferd fühlt sich von ihnen weniger schnell bedrängt. Trotzdem zeigen sie aber natürlich die typischen Verhaltens- und Äusserungsformen der Wiederkäuer und riechen auch entsprechend.

Pferde, die bei Kühen panisch reagieren, sind offenbar gar nicht so selten. Andrea Jänischs  Vorgehen bei diesem Problem führt erstaunlich leicht zum Erfolg. Im Ansatz sollen die Pferde begreifen, dass die Kühe vor den Pferden weichen. Dieses Schlüsselerlebnis führt sehr schnell zu einem veränderten Verhalten. Generell ist es für die Pferde (und auch für die Kühe), wichtig zu verstehen, was sie tun sollen. Dies gelingt am besten mit viel Ruhe und im Schritt. Je langsamer und geschlossener sich die Kuhherde bewegt, desto einfacher ist es für die Pferde, die Situation zu überblicken. Da Pferde ihre Artgenossen beobachten und nachahmen, hilft die Anwesenheit weiterer ruhiger Pferde bei der Gewöhnung. Negative, angstaufbauende Erlebnisse sowie die Verletzungsgefahr sollen natürlich auf jeden Fall vermieden werden.

Zu Beginn liess mich Andrea Nýpa in sicherer Distanz zu den Kühen am Boden arbeiten. Ich führte und longierte sie ohne allzu grosse Ansprüche und verkleinerte nach und nach den Abstand, bis ich sie nicht nur hinter der Kuhherde her, sondern auch durch sie hindurch führen konnte. Ein von Menschen aufgezogenes und daher etwas mutigeres Kalb fungierte als Vermittler und liess sich von Nýpa beschnuppern. Erst als Nýpa rund um die Kühe gelassen blieb, stieg ich in den Sattel und ritt ein wenig hin und her. Dies meisterte sie sehr gut und ich konnte mit ihr bereits etwas bei der Rinderarbeit mitmachen. Gemeinsam mit den anderen Pferden trieben Nýpa und ich die Kühe vor uns her und liessen sie Achten oder Schlangenlinien laufen. Beim Treiben durch die Bahnfiguren entwickelten wir bald ein Gefühl dafür, wie wir uns platzieren mussten, um korrekt einzuwirken, und so gelang es uns schlussendlich auch, einzelne Kühe aus der Herde herauszusortieren

Nicht nur mir, sondern bald auch Nýpa hat die Rinderarbeit Spass gemacht. Neben „mal was anderem“ stellt die Rinderarbeit den oft etwas verloren gegangen praktischen Bezug in unserer Reiterei wieder her. Der manchmal floskelhaft verwendete Begriff „an den Hilfen stehen“, bekommt eine andere Bedeutung. Ein nicht reaktives Pferd ist einfach zu langsam und wäre bei agressiven Rindern sogar gefährlich. Interessanterweise werden die Pferde bei der Rinderarbeit wie von selber leichter, runder und folglich agiler. Ähnlich, wie sich ein frei galoppierendes Pferd bergab versammelt, setzen die Pferde ihren Körper bald verschleissschonender ein. Das Pferd lässt sich also auch von hinten aufzäumen.

Der Reiter profitiert ebenfalls von dieser Arbeit. Er kommt weg von einer verkopften Reiterei und einem steifem Sitz hin zu mehr Selbstverständlichkeit und Ungezwungenheit, denn verstandgesteuert ist seine Reaktionszeit zu lang. Für die Rinderarbeit muss er sich dem Pferd intuitiv über den Sitz mitteilen. Dieses Feeling können wir bei den Gebrauchsreitern auf der ganzen Welt bewundern. Der Reiter und das Pferd sind eins geworden.

Wer sich angesprochen fühlt von der Rinderarbeit oder wer wie ich ein an Kühe zu gewöhnendes Pferd besitzt, wendet sich am besten direkt unter der Telefon-Nr. +49 (0)172/611 00 69 an Andrea Jänisch.