PCI Gazette 35, Mai 2009

Im Schatten des Paso Peruano

Robert Zürrer

Die Pferde der Rasse Peruano de Paso werden in Peru bekanntlich und nicht zu Unrecht als kulturelles Erbe Perus gefeiert und geehrt. Etwas im Schatten dieser einzigartigen Pferde steht eine andere Equidenart, nämlich die Esel und Maultiere Perus, welche sich teilweise ebenfalls durch einen hervorragenden Paso Llano auszeichnen. 

Für die kulturelle und soziale Entwicklung in Peru dürften diese kleineren Verwandten der Pferde ebenso bedeutend gewesen sein. Wie auf der ganzen Welt diente und dient der Esel auch in Peru als ausserordentlich vielseitiges Nutztier, insbesondere in kleineren Landwirtsaftsbetrieben arbeitet er seit Jahrhunderten als Pferd der Armen. Sei es als Trag-, Reit- oder Zugtier, sei es als Helfer bei landwirtschaftlichen Arbeiten oder sogar als Fleischlieferant, der Esel ist und bleibt ein ökonomischer Helfer. Nicht zu unterschätzen ist auch seine Bedeutung als Maultierproduzent.

35schatten_1Die Herkunft der Esel in Peru ist in etwa die Gleiche wie diejenige der Pferde. Es ist offenbar historisch belegt, dass bei der zweiten Reise von Kolumbus auch Esel auf den neuen Kontinent gebracht wurden. Die Robustheit und die Genügsamkeit der Esel verhalf ihnen zu einer raschen Verbreitung. Noch heute kann man bei Reisen durch Peru grosse Gruppen von Eseln sehen, welche Waren transportieren. Im Gegensatz zu den Lamas können die Esel viel schwerere und grössere Lasten transportieren.

Insbesondere in den Küstenregionen fanden diese Tiere (wie auch die Pferde) ideale Bedingungen vor, und so wurden zum Beispiel Piura und Ica wichtige Zuchtgebiete. Die Agrarreform und ein schlimmer Ausbruch von Encefalomyelitis hat den Zuchtbestand um fast 80 % verringert. Heute gibt es nur noch ganz wenige auf die Maultierzucht spezialisierte Betriebe.

Ganz ähnlich wie bei den Pasopferden verlief auch die Entwicklung der Esel in Peru. Auch hier wurden töltende Tiere bevorzugt und gezielt selektioniert. Nur Eselhengste mit einem guten Paso Llano wurden zur Zucht von Maultieren zugelassen. Eine Spezialität in Peru sind die sogenannten „Burros hechores“. Das sind Eselhengstfohlen, welche zur Zucht von Maultieren vorselektioniert werden. Dabei wird nach „criolla“ Art das wenige Tage alte Hengstfohlen einer Pferdestute zur Adoption anzuhängen versucht. In älteren Berichten kann man lesen, dass zur Zucht diejenigen Tiere ausgelesen wurden, welche beim Transport von Milch diese am wenigsten schüttelten.

35schatten_2Wie dem auch sei, töltende Esel und Maultiere sind auch heute noch an jedem nationalen oder lokalen Paso Peruano „Concurso“ in eigenen Klassen zu bestaunen. Und die Qualität dieser Tiere ist immer wieder beeindruckend. Auch die Leistungen dieser unermüdlichen Tölter sind ausserordentlich bemerkenswert, insbesondere über längere Distanzen und in unwegsamem Gelände. Maultiere und Esel werden in Peru genau gleich wie die Paso Peruano Pferde gesattelt und gezäumt. Bei den Eseln muss allerdings gut darauf geachtet werden, dass der Sattel weit hinten liegt, damit die Schulter sich absolut frei bewegen kann.

In Peru werden vor allem Maultiere (Mutter Pferd) und seltener Maulesel (Mutter Esel) produziert. Die Maultiere sind meist kräftiger und grösser, ähnlich der Mutter. Vom Vater haben sie aber den ruhigen und sicheren Gang. Ein Maultierfohlen wiegt in Peru durchschnittlich 35-40 kg. Es bleibt 240 Tage bei der Mutter und hat seine Jugendentwicklung mit etwa 60 Monaten abgeschlossen. Ein Maultier kann täglich bis zu 150 kg über eine Strecke von 20 bis 28 km weit tragen, eine hervorragende Leistung angesichts der harten Bedingungen in Peru. Die Ausbildung von Maultieren (und Eseln) zu Reittieren ist sehr anspruchsvoll und braucht viel Geduld. Ein gut ausgebildetes Maultier mit einem perfekten Paso Llano ist dafür ein unvergleichliches Erlebnis und eine Perle, die man kaum mehr hergeben möchte.

Robert Zürrer

Fotos: B. Camenzind