PCI Gazette 34, Dezember 2008

Arte Equestre in Puerto Rico

Carla Tschümperlin

Was haben Wien, Jerez und Queluz gemeinsam? Sie alle beherbergen die Hochburgen der barocken Reitkunst. Schulen, in denen die Kunst der Reiterei und die Tradition der Hofreiterei als Kulturerbe hochgehalten und zelebriert werden. Wer einmal die Vorstellungen dieser Institutionen erlebt hat, bleibt meist dem Charme, der Perfektion und der Hingabe, mit welcher die Reiterei als Kunstform inszeniert wird, verhaftet.

Und was hat nun Puerto Rico in einer Reihe mit diesen altehrwürdigen Institutionen zu suchen? Gerne erzähle ich Ihnen eine Geschichte, die Wurzeln in der alten Welt hatte, und nun Jahre später anfängt, erste Früchte zu tragen.

Wie alles begann:
Vielleicht kann sich der eine oder andere Gazette-Leser daran erinnern, wie ich vor fast 15 Jahren von meiner Lehr- und Wanderzeit in Puerto Rico berichtet habe. Ich hatte damals während meinem mehrmonatigen Aufenthalt Puerto Rico auf der Hacienda Don Carmelo die Gelegenheit, für Doña Melba Figueroa Pferde zu trainieren. Mit einem wunderschönen Exemplar, dem Troton Galopero El Rey, konnte ich ausserdem erfolgreich an Turnieren teilnehmen. Anfänglich wurde mein für dortige Trainer zu klassischer Sitz bemängelt und man versuchte, mir den lokalen Stil (Rücken weit zurück, Füsse bei den Schultern, Hände hoch), der auch heute noch zum Teil in der Fino Szene verbreitet ist, beizubringen. Da ich jedoch einen Schweizer Dickschädel habe hielt ich an meinen Methoden fest und erwiderte immer, wartet mein Ergebnis ab. Mein Reitstil führte jedoch unweigerlich zu abendlichen Diskussionen mit Doña Melba und ihrer Familie, wo ich leidenschaftliche Plädoyers für den portugiesischen Reitstil hielt. Ich erzählte von meiner Zeit in Portugal, wo ich von einem Lehrer der Hofreitschule lernen durfte und versuchte sie zu überzeugen, dass Bestandteile der klassischen Reitkunst durchaus auch bei Paso Finos und sowieso bei Troton Galoperos anzuwenden sind.

Was inzwischen geschah:
Jahre später, als die Kinder der Familie Figueroa alt genug waren, um die Reiterei ernsthaft zu betreiben, empfahl ich ihnen anlässlich einem meiner zahlreichen Besuche, dass sie doch nach Portugal reisen sollten, um Unterricht zu nehmen. Ihre zauberhafte Tante, Melba Figueroa, reiste mit nach Portugal und war fasziniert von der Reitkunst, die sie bei Luis Valenca erlebte. Da keimte in ihr der Gedanke, dass sie diese Reitkultur auch in Puerto Rico fördern möchte, aber natürlich mit Paso Finos und Troton Galoperos! Wenn man Doña Melba Figueroa kennt weiss man, dass sie auch die scheinbar unmöglichsten Dinge beherzt in die Tat umsetzt.

Eine neue Reitschule wird geboren:
Mehrere Reisen der Familie Figueroa nach Spanien und Portugal waren der Anfang einer unglaublichen Geschichte die dazu geführt hat, dass Puerto Rico heute seine eigene Escuela Puertorriqueña del Arte Ecuestre hat. Mit unermüdlichem Einsatz hat die Gründerin Melba Figueroa die Schule aus dem Nichts aufgebaut. Sie hat der Schule Pferde zur Verfügung gestellt. Sie hat Trainer und Besitzer gesucht die bereit waren, sich für eine neue Schule einzusetzen. Sie hat die Trainer nach Spanien an die Hofreitschule geschickt, wo sie eine erste Ausbildung erhielten. Nachdem die Reiter mit vielen neuen Ideen im Kopf zurückgekommen waren, hat sie ein Showprogramm zusammengestellt, das die Geschichte des Paso Finos auf der Insel Puerto Rico und seine Kultur und Einzigartigkeit darstellt, ergänzt durch Showblöcke mit Elementen der Hofreitschule. Das Programm wird untermalt mit traditioneller Musik aus Puerto Rico.

Aller Anfang ist schwer:
Noch ist die im Jahr 2005 gegründete Escuela in ihren Anfängen und kann bei weitem noch nicht an die Perfektion und Tradition der grossen Hofreitschulen anknüpfen. Vieles erscheint uns Europäern im Resultat noch gar ungenau oder sogar falsch im Sinne der klassischen Reitweise. Es ist jedoch anzuerkennen, dass es einer grossen Herausforderung gleichkommt, in Puerto Rico die klassische Reitkultur und ein europäisches Pferdeverständnis einzuführen, zumal das reiterliche Kulturerbe von Puerto Rico ein ebenso schützenwertes Pferdewissen ist. Es werden jedoch auch heute weiterhin Trainer aus der „alten Welt“ eingeflogen, welche ihr Wissen weitergeben. Wichtig ist, dass die Escuela in Zukunft nicht zu einer reinen „Showgruppe“ mutiert, sondern ernsthaft und zielstrebig ihre Ziele der Reitkunst verfolgt.

Die Ziele der Escuela:
Die Escuela hat sich zum Ziel gesetzt, den Respekt zum Pferd und seiner Kultur als Teil der Puertoricanischen Identität zu fördern. Durch Ausbildung der Reiter und Schüler und der Förderung des Wissens rund um das Pferd soll die Escuela dazu beitragen, dass die Reitkunst und das Verständnis für Pferde ganz allgemein gefördert wird. Die Pferdezucht auf der kleinen Insel und die damit zusammenhängenden Wirtschaftszweige sollen durch die Escuela gefördert und geschützt werden. Die Escuela soll als Zentrum für die touristische Attraktion der Paso Finos und der Reitkunst dienen.

Aktivitäten der Escuela:
Die Aktivitäten der Escuela bestehen aus regelmässigen Aufführungen in Vega Baja, dem Zentrum der Escuela ca. 20 min von San Juan entfernt. Die 15 Reiter in Kostümen des 18. Jahrhunderts präsentieren ihre Pferde je nach Typ in den Gangarten Paso Fino, Trote und Trote y Galope. 2007 organisierte die Gründerin Melba Figueroa zudem einen „Día del Caballo“, wo tausende von Pferden, meist Paso Finos, per Sternritt in die Altstadt von San Juan zu einer grossen Parade zusammen kamen.

Im kulturellen Bereich organisierte die Escuela 2007 auch eine grosse Ausstellung, „El caballo en la cultura puertorriqueña“ im Museo de las Américas, die sowohl von Touristen wie auch Schulen im ganzen Land besucht wurde.

Genau wie jede Hofreitschule verfolgt die Escuela Puertorriqueña natürlich auch touristische Ziele. San Juan ist ein wichtiger Anlaufhafen für Kreuzschiffe. Da die Pferdewelt der Insel und die Kultur der Paso Finos ansonsten den Touristen verborgen bleiben, bieten die Aufführungen der Escuela Puertorriqueña „Así bailan nuestros caballos“ (So tanzen unsere Pferde) eine schöne Gelegenheit, sich einen Eindruck über die Paso Finos im historischen Kontext zu machen.

Mehr über die Escuela:
Sind Sie neugierig geworden? Vielleicht planen Sie sogar eine nächste Ferienreise in die Karibik und möchten sich die Escuela Puertorriqueña del Arte Ecuestre selbst ansehen? Mehr Infos finden Sie unter www.arteecuestre.com

Carla Tschümperlin, Paso Fino Delegierte