PCI Gazette 32, April 2008

Paso Peruano – ein kleines Porträt

Barbara Camenzind

Geschichte/Herkunft
Die Geschichte der südamerikanischen Paso Pferde beginnt mit der Eroberung der neuen Welt durch die spanischen Konquistadoren, die 1493 – auf der zweiten Reise von Christoph Kolumbus – eine erste Ladung von ungefähr 25 Pferden auf der Insel Hispaniola (der heutigen Dominikanischen Republik) stationierten und ein kastilianisches Krongestüt begründeten. Das Pferdematerial bestand aus in Spanien heimischen Rassen wie dem Sorraia Pferd, dem nordspanischen Pony, Iberern und dem durch die nordafrikanischen Mauren angesiedelten Berber.

32_1Diese Pferde – und weitere Importe im Verlaufe der Konquista – bildeten den Grundstock für die Wiederbesiedlung des amerikanischen Kontinents mit Equiden. Die Gangveranlagung war in diesen Tieren bereits genetisch vorhanden, denn zu jener Zeit waren in Europa die bequemen, lateral geprägten Zelter und Genetten weit in der Überzahl und die bevorzugten Reitpferde. Die trabenden Pferde züchtete man vorwiegend zu Kriegs- und Fahrzwecken. Zudem brachten auch die nordafrikanischen Berber Töltveranlagung mit.

Die Pferde haben sich in der Folge im Laufe der Jahrhunderte in einzelnen Gebieten des eroberten Kontinents unterschiedlich entwickelt. In Peru entstand aufgrund der ausgezeichneten Umweltbedingungen eine hervorragende Pferdezucht. Durch die selektive, sorgfältige Auslese und sorgsam gehütete Reinheit des Blutes wurden die lateralen Gänge genetisch fixiert und es entwickelte sich die aussergewöhnliche Rasse des Paso Peruano. Zuchtziel war ein bequemes Reit- und Arbeitspferd für die peruanischen Grossgrundbesitzer, aber auch ein Paradepferd für deren Sonntagsauftritte!

Merkmale: Was zeichnet den Paso Peruano gegenüber anderen Rassen denn so besonders aus?

In erster Linie ist es die laterale Gangart, in Peru Paso Llano genannt. Die Fussfolge ist: Hinten links, vorne links, hinten rechts, vorne rechts, wobei immer mindestens ein Huf am Boden bleibt. (Im Vergleich dazu: Im Trab ist die Fussfolge diagonal mit einer Sprungphase). Diese Gangart, hierzulande als Tölt bekannt, ist ein isochroner Viertakt ohne Schwebephase, was ein sanftes, erschütterungsfreies Reiten ermöglicht. Deshalb wird der Paso Peruano oft als der „Rolls Royce“ unter den Pferden bezeichnet. Diese Gangmodalität ist den peruanischen Pferden angeboren und genetisch gefestigt; schon die Fohlen tölten in den ersten Tagen ihres Lebens über die Weiden! (Paso bedeutet übrigens Gang/Schritt, und hat nichts mit Pass zu tun!)

Nebst seiner legendären Weichheit ist sein typisches Rassemerkmal die ausgeprägte Vorhandaktion, kombiniert mit dem charakteristischen „Termino“, einer seitlich ausgreifenden, fliessenden und eleganten Bewegung der Vordergliedmassen aus der Schulter heraus. Auch diese Eigenschaft geht auf das alte spanische Erbgut zurück.

Brío – ein wichtiges Attribut der Paso Pferde
Die aufgerichtete, stolze Haltung, Eleganz und Ausstrahlung verraten die spanische Herkunft der Paso Pferde. Pasos sind immer bemüht, dem Menschen zu gefallen. Im Umgang sind sie freundlich und ruhig, geritten zeigen sie viel Temperament und Gehwillen, sind aber gleichzeitig gehorsam und kooperativ; die Energie, die sie in den Gang stecken und die Freude, sich zu präsentieren, all diese Eigenschaften versteht man unter dem Begriff „Brío“, der den Paso Pferden eigen ist. Brío ist angeboren, nicht anerzogen!

Genauso verhält es sich auch mit der Gangart: Der Tölt ist eine rein natürliche Veranlagung und absolut genetisch fixiert. Es ist strengstens untersagt, die Gangarten durch irgendwelche technischen Hilfsmittel zu manipulieren.

Exterieur
Das peruanische Pferd besticht durch sein harmonisches, anmutiges Erscheinungsbild im barocken Typ mit üppigem Behang und feinen, harten Gliedmassen. Es hat eine klare Oberlinie und eine gute Aufrichtung. Das Profil ist gerade oder leicht konvex, das Stockmass reicht von 143 cm bis 155 cm. Die Paso Peruanos kommen in allen Farben vor, eher selten sind Schimmel, und Schecken entsprechen nicht dem Zuchtstandard.

Der angenehme Charakter als unabdingbare Forderung sowie der genetisch fixierte, weiche, gebrochene Lateralgang gehören zum Zuchtziel. Menschenfreundlichkeit, Trittsicherheit, Brio, Präsenz, Adel und die diesen Pferden eigene Freude am Vorgestelltwerden gehören mit zum Bild dieser Rasse.

Die Paso Peruano Pferde in Europa
32_2Im November 1973 wurde in Zusammenarbeit mit dem Tierzucht-Institut der Universität Zürich unter der Leitung von Prof. Dr. Ewald Isenbügel eine Gruppe von Paso Zuchtpferden in die Schweiz eingeführt, um in einem mehrjährigen Zucht- und Haltungsprogramm die Eignung als Freizeitpferde unter verschiedenen Gesichtspunkten näher abzuklären. Die Pferde gewöhnten sich erstaunlich schnell an unser Klima und die neue Umgebung und erfüllten die Kriterien des Forschungsprogramms.

Die erste öffentliche Vorstellung von drei Paso Pferden fand 1975 auf der Equitana in Essen statt und löste ein unerwartet grosses Echo aus, was bestätigte, dass der Bedarf nach Gangartenpferden ein absolutes Marktbedürfnis darstellt. Von da an nahm die Verbreitung der Paso Pferde in Europa ihren Lauf. Heute leben schätzungsweise an die 50 bis 60 Paso Peruanos in der Shweiz.

Haltung/Eignung
Die Paso Pferde werden allgemein vorwiegend im Offenstall gehalten und sind unkompliziert in der Haltung, wenn sie Pferdegesellschaft, Familienanschluss und viel Auslauf haben. Der Paso Peruano ist ein wunderbarer, anhänglicher und kooperativer Partner für den anspruchsvollen Freizeitreiter. Für Reitanfänger eher weniger geeignet, denn ihre Sensibilität verlangt nach einer feinen Hand und einer geschulten Wahrnehmung für Taktverschiebungen und für die speziellen Gangarten. Auch diese müssen durch Gymnastizierung der Pferde gefördert und zu ihrer vollen Brillanz gebracht werden. Es wird geschätzt, wenn Menschen, die sich für Pasos entscheiden, auch Interesse und Freude für den reichen historischen und kulturellen Hintergrund dieser Pferde mitbringen. Sie sind ein Stück südamerikanischer Kultur, Botschafter ihres Landes und der Stolz einer Nation.

Tack/Ausrüstung
Die traditionelle Ausrüstung des peruanischen Pferdes kann als reinstes peruanisches Kunsthandwerk bezeichnet werden. Alle Teile werden handgefertigt. Die Sättel und Zaumzeuge werden in kleinen Familienwerkstätten – mehrheitlich in Lima – hergestellt. Das Handwerk vererbt sich von Generation zu Generation.

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Kunstvoller, handgearbeiteter peruanischer Showsattel.

Die Sättel werden durch Punzieren reich verziert. Traditionelle Muster sind der Pfau, das peruanische Pferd und Blumen. Das Hintergeschirr, Guarnición genannt, dient nur zu Dekorationszwecken. Über seinen Ursprung ist man sich nicht ganz einig: Einige sagen, es sei ein dekoratives Überbleibsel der alten, eisernen Kriegsrüstung, andere meinen, die Schweifbedeckung hätte während der Arbeit auf den Baumwollfeldern das Verheddern der Baumwolle im Schweif verhindert.

Die schmückende Bedeckung über den Augen wird Tapaojos genannt. Sie wurde in früheren Zeiten dazu verwendet, das Pferd zu „parkieren“, indem die Augenklappen ganz einfach hinunter geschoben wurden und somit die Sicht und ein Weglaufen verhinderten. Das war wohl nützlich in der peruanischen Wüste, wo es keine Bäume zum Anbinden gab!

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Showzaum: Jaquima (Halfter), cabezada (Kopfstück),
gamarrilla (Hilfsmittel), Tapaojos (Augenklappen), Riendas (Zügel)

Das Zaumzeug besteht aus einem Kern aus Rindsleder, das mit feinsten Ziegenlederstreifen umflochten wird. Die schmückenden Metallstücke bestanden früher aus Silber, heute sind sie zumeist aus Nickel oder nicht-oxidierendem Metall.

Der peruanische Reiter kleidet sich in der Regel in weiss: Weisse Jeans, weisses Hemd und den unentbehrlichen Sombrero – auch dieser ist handgefertigt. Darüber trägt er – je nach Anlass – einen handgewobenen Poncho und ein weisses Seidentuch, das vorne verknotet wird. So war man früher gut geschützt vor dem Staub auf den Reisen durch die Wüste.

Traditioneller peruanischer Tanz: Marinera

Marinera ist ein Musik- und Tanzstil aus der Nordküste Perus. Der Tanz ist im 3/4 Takt gehalten und wird in einer Blasmusikformation mit starker Rhythmusgruppe gespielt. Typisches Kennzeichen der Marinera ist der ausgehaltene Trommelwirbel am Anfang jeden Liedes, und die ausgeprägte Kontramelodie der tiefen Instrumente.

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James und Andrea Schneider in einer Marinera.
(Foto: Arsène von Wyss)

Der Tanz wird immer paarweise durchgeführt und beschreibt eine eigentliche Umwerbung des Herrn gegenüber der Dame. Dabei wechseln starke Verneigungsgesten und schnelle Drehungen mit Stepptanz-ähnlichen virtuosen Kurzschritten ab. Das Paar tanzt anfangs im Abstand von zwei bis drei Metern, bis es am Ende zu leichten Berührungen an Hüfte oder Händen kommt.

Typische Kleidungsstücke sind ein großer Hut bei den Herren und ein weiter Rock bei der Dame. Beide halten zusätzlich ein weißes Taschentuch in den Händen, welches im Rhythmus geschwenkt und teilweise in die Luft gewirbelt wird. Getanzt wird traditionellerweise barfuss.

Der Name Marinera stammt in Anlehnung an den früheren peruanischen Marineadmiral Miguel Grau vom Ende des 19. Jahrhunderts, da dieser Admiral aus dem Norden Perus stammt. Der Name erfuhr diese Änderung nach dem Salpeterkrieg aus nationalistischen Gründen, da er zuvor Chilena hieß. (Quelle: Wikipedia)

Text und übrige Fotos: Barbara Camenzind