PCI Gazette 27, Juli 2006

Wie scharf sind unsere Stangengebisse?

Robert Zürrer

Im Anschluss an unsere Fiesta in Avenches erreichte uns das untenstehende Mail einer Besucherin. Dies gab uns Anlass, eine Antwort zu formulieren, die wir hier gerne zusammen mit dem Mail abdrucken. Es kann uns als Argumentarium dienen, denn sicher haben wir alle schon ähnliche Bemerkungen anhören müssen.

„Bonjour, ich war gestern in Avenches bei Ihrer Fiesta und erlag sofort der Faszination dieser Traumpferde. Trotzdem, und weil mich diese Pferde emotinal berührt haben, erlaube ich mir folgende Bemerkungen: Müssen diese kleinen, bewegungsfreudigen Pferde auf einem Viereck, wo sie ja nicht weg können, mit so grausigen Kandaren geritten werden? Es lag eine Löffelkandare vor einer Box, und es lief mir kalt den Rücken runter bei der Vorstellung, einem Pferd dies ins Maul zu tun, ich würde mich schlicht schämen. Auf meine diesbezügliche Frage wurde mir geantwortet, mit einer ‘guten Hand’ mache das nichts. Ich denke, mit einer sogenannten guten Hand braucht man diese Folterapparate eben nicht. Alois von Podhajsky, der Mann der die Spanische Hofreitschule im letzten Krieg gerettet hat und ein begnadeter Reiter war, brachte es so auf den Punkt: Je mehr Metall im Maul je schlechter der Reiter! Ansonsten war es ein wunderschöner Nachmittag, man fühlte sich wie in den Anden. Vielen Dank!“

Die Antwort des PCI lautete zusammengefassst folgendermassen. Weitere Anregungen von euch nehmen wir gerne entgegen:
Die ewige Frage Kandare versus Wassertrense ist sicher eine Frage der Philosophie, über welche man endlos diskutieren könnte. Tatsache ist und bleibt: ein Gebiss ist so scharf oder schmerzhaft für das Pferd so schlecht oder gut ein Reiter es anwendet. Auch eine Wassertrense kann wegen dauerndem, ruckartigem Ziehen sehr unangenehm für das Pferd sein.

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Ein typisches peruanisches Stangengebiss

In der traditionellen Ausbildung der Pasos (wie auch in der klassischen iberischen Ausbildung) wird das Pferd vorerst nur mit einem Bozal (Kappzaum) eingeritten, um eben das Pferdemaul zu schonen. Dieses Ausbildungsstadium dauert so lange, bis das Pferd alle Lektionen des Gehorsams, der Balance und der Biegsamkeit gelernt hat, sprich, die Grundschule durchlaufen hat. Danach wird das Pferd im Doppelzügel auf das Gebiss vorbereitet, bis es die Wirkung des Gebisses kennt und darauf fein reagieren kann. Die Kandare soll nicht dazu dienen, das Pferd zurückzuhalten oder zu disziplinieren, sondern das Pferd zur zusätzlichen Aufrichtung zu animieren und ihm einen Rahmen zu geben, in welchem es sich danach relativ frei bewegen kann.

Nun kann es an einem Turnier in einer aufgeregten Atmosphäre immer auch zu unschönen Bildern kommen, denn nicht alle Reiter/Pferde sind auf gleichem Ausbildungsniveau. Man kann aber grundsätzlich sagen, dass Paso Reiter/innen meist sehr sorgfältig mit Kandaren umgehen. Dies wohl auch nicht zuletzt deshalb, weil die Pasoreiterei ausser einem jährlichen freundschaftlichen Turnier keine Wettkämpfe kennt und keine Turniere mit Preisgeldern veranstaltet. Die meisten unserer Mitglieder können ihre Pferde auch am Stallhalfter ganz unbeschwert ausreiten. Aus Versicherungsgründen – und entsprechend den Prüfungsordnungen – ist jedoch an Turnieren eine korrekte, rassetypische Ausrüstung vorgeschrieben.

In diesem Sinne steht der Vorstand des PCI hinter der Ausbildungstradition (Bozal, Doppelzügel, Gebiss), gegen die übrigens auch Alois von Podhajsky – und auch heute noch die Hofreitschulen, welche ja auch nach diesem Prinzip verfahren – nichts einzwenden haben. Wir sind uns jedoch einig, dass die Reiter sich der Schärfe der Gebisse bewusst sein müssen und eine entsprechend korrekte Anwendung die Grundvoraussetzung ist.

Robert Zürrer