PCI Gazette 26, März 2006

Tölterszene vor 16 Jahren und heute

Robert Zürrer

Liebe Gazette Leserinnen und -Leser
Beim ordnen alter Papiere stiess ich auf den nachfolgenden Aufsatz von 1990, und da Gegenwart ja immer auf Vergangenheit aufbaut scheint es mir interessant, die Ausgangslage von damals mit dem heutigen Stand zu vergleichen. 1990 sah es in Europa folgendermassen aus:

„TÖLTERSZENE 1990“

Vor mehr als 30 Jahren brachte Ursula Bruns die ersten töltenden Isländer auf den europäischen Kontinent zurück. Geistig unabhängige, reitbegeisterte Menschen nahmen die struppigen Pferdchen aus dem hohen Norden an die Hand und begannen mit ihnen, so gut wie es damals eben ging, zu reiten und auch schon bald zu tölten. Von Reit- und Tenu-Vorschriften hielt man wenig, Pullover oder Windjacken taten›s auch. In den Analen der FEIF (Föderation Europäischer Islandpferde-Freunde), welche sich inzwischen zu einer weltumspannenden Organisation für Islandpferdesport und –zucht entwickelt hat, kann man nachlesen, was seither geschah und was die wiederentdeckte Töltkultur rund um die Isländer als Pioniere der Gangpferderassen in Europa bewirkten. Die Begriffe Freizeitreiter, Freizeitpferde tauchten auf, und die entsprechenden Organisationen begannen lawinenartig zu wachsen. In ihrem Fachblatt FREIZEIT IM SATTEL schrieb Ursula Bruns zum ersten Mal ca. 1969 von Paso Finos, töltenden südamerikanischen Pferden in den USA. Die Neugier war geweckt, ein neues Abenteuer mit Töltern begann. 1973 brachte Jean-Claude Dysli, man braucht ihn nicht vorzustellen, unterstützt von Dr. Ewald Isenbügel und Ursula Bruns, die ersten Peruaner und Paso Finos aus Arizona in die Schweiz. Mit den Isländern hatte man sich in der Zwischenzeit zusammengerauft und es hatte sich ein Reitstil entwickelt, von dem man sich an den ersten Islandpferde Europameisterschaften 1970, auf dem Gestüt Aegidienberg, überzeugen konnte. Mit den Pasopferden war das ein wenig anders. Was man bisher unter Töltreiten verstanden hatte, funktionierte hier nicht so richtig. Exotische Sattlungen und Zäumungen mussten zuerst erfasst und assimiliert bzw. eingesetzt werden. Als Töltreiter stellten wir bald, entgegen der anfänglichen Meinung, fest: die Pasos sind keine Cowboy-Pferde, sie werden anders geritten. Sie hatten normalerweise auch eine andere Ausbildung hinter sich als man das hierzulande damals von Pferden erwartete. Ihr Markenzeichen, der rhythmische, weiche Tölt am leichten Zügel begeisterte uns, aber viele vermissten die von den Isländern her gewohnte Schnelligkeit. Es gab sehr bald Schwierigkeiten auf der ganzen Linie, sowohl in der Zucht wie im Beritt und auch im wirtschaftlichen Bereich. Die Pasos hatten auf dem europäischen Kontinent einen schlechten Start.

Es brauchte von etlichen «Aficionados» einen langen Atem, um die Auswirkungen dieses schlechten Starts zu überwinden, die pasotypische Reitweise zu erlernen und die weit entwickelten und subtilen Ausbildungsmethoden der Peruaner und der Kolumbianer verstehen und anwenden zu lernen. Nach der 1981 erfolgten Gründung der PPV, Peruanische Paso-Vereinigung Deutschland e.V. (Anm.: heute PPE) und den im Jahre darauf durchgeführten 1. Internationalen Deutschen Paso-Meisterschaften, ging es in Deutschland aufwärts. Um der internationalen Entwicklung einen Rahmen zu geben und alle Pasorassen einzubeziehen, wurde 1986 eine weitere Vereinigung gegründet: der PCI, Paso Club International. Das Interesse rund um die Töltrassen nahm zu. 1988 wurde auf Initiative von Walter Feldmann sen. die IGT, Interessengemeinschaft Tölt, gegründet. Bald stiessen neue Töltrassen zu dieser Organisation, welche vor allem die Zusammenarbeit und das friedliche Nebeneinander der töltenden Rassen und ihren Anhängern fördern will: Mangalarga Marchadores aus Brasilien, American Saddle Bred Horses, Tennessee Walkers, töltende Traber, Walter Feldmann sen.›s Kreuzungsprodukt, Peruaner x Isländer = Aegidienberger, und sogenannte freie Töltrassen begannen sich zu entwickeln und ihren Markt, bzw. ihre Liebhaber zu finden. 1989 wurde auf Initiative von Walter Feldmann jun. und Sandra Schutzbach das 1. Internationale Gangpferde-Championat in Aachen durchgeführt. Damit wurde ein wegweisender Gedanke realisiert, der den Organisatoren zwar keinen finanziellen Erfolg brachte, doch sonst in allen Teilen höchst erfolgreich war und die Ausgangslage für ein 2. Championat 1990 schuf.

Der Reigen der Tölter geht weiter. Inzwischen tauchten griechische Tölter auf und ersuchten um Aufnahme als Rasse in der IGT; ein weiteres Mal, wie bei den töltenden Trabern, hatte Ursula Bruns, zusammen mit Jochen Schumacher, die Hand im Spiel. In der letzten Ausgabe von FREIZEIT IM SATTEL berichtet nun Prof. Dr. Ewald Isenbügel von seiner Bekanntschaft, die er in Kashmir mit den dortigen Töltern gemacht hatte. Eine weitere Töltrasse wurde somit entdeckt; wie lange wird es dauern, bis die ersten Exemplare davon in Europa erscheinen? Es ist abzusehen, dass auch die russischen Tölter – einen davon haben wir bereits letztes Jahr in Aachen gesehen – in Kürze in Westeuropa Einzug halten.

Hier stellt sich nun die Frage: Wohin tölten wir in nächster Zukunft?

Es ist unschwer vorauszusehen, dass neue Töltrassen auch neue Kreuzungen nach sich ziehen; die Vielfalt wächst, der züchterischen Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Sicher wird dabei sehr viel Verwirrung entstehen bei Freizeitreiterinnen und –reitern, welche sich in der Tölterszene nicht genau auskennen. Die Frage wird sein: «Who is who?» Die Entwicklung rund um die Gangart Tölt könnte an Stosskraft einbüssen und sich in nächster Zukunft in einer Experimentierphase, stark verzetteln. Es gibt also gute Gründe für alle Interessierten, die Bemühungen der IG Tölt zu unterstützen, gibt sie doch eigentlich den Töltrassen und ihren Anhängern nach aussen das nötige Gewicht und ermöglicht erfreuliche Entwicklungen, wie z.B. das 2. Internationale Gangpferde- Championat 1990.

Für die Mitglieder und Rassevertreter der IG Tölt ist es natürlich von vorrangiger Bedeutung, dass Vorstand und Geschäftsstelle jederzeit eine absolut neutrale Haltung, bezogen auf die einzelnen Rassen, einnehmen und auch sämtl. gewünschten Informationen in neutraler Form an mögliche Interessenten weitergeben. Wir sind überzeugt, dass dem so ist, andernfalls würde die Entwicklung und Anziehungskraft der IG Tölt vermutlich rasch zum Erliegen kommen.

Die Pasorassen stellen bislang die zweitgrösste Gruppierung von Töltpferden in Europa dar. Seit 17 Jahren werden sie hier gezüchtet, ausgebildet und geritten. Im Hinblick auf die Frage: wohin tölten wir? scheint es mir, dass wir bei den Pasorassen eine Konsolidierung auf der bestehenden guten Basis anstreben sollten. Darunter verstehe ich weiterhin ernsthafte Arbeit in Zucht und Aufzucht zu leisten, die vorhandenen Kenntnisse für Ausbildung von Pferden und Reitern anzuwenden, sich klar werden darüber, dass es bei der Ausbildung von Pasopferden, seien es nun Peruaner oder Paso Finos, nichts mehr zu erfinden gibt. Wir müssen nur anwenden was wir von den Ausbildern aus den Ursprungsländern vermittelt bekamen und dabei auch nicht vergessen, dass viele in unseren Kreisen selbst eine 30-jährige Erfahrung in der Ausbildung von Töltpferden haben. PPV und PCI sollten auch in Zukunft das Kurswesen, sowie sportliche Wettkämpfe intensiv fördern und dieselben so gestalten, dass jede/jeder, der Lust hat, mitmachen kann. Diese Arbeiten müssen wir auch weiterhin selbst an die Hand nehmen, es wird sie niemand für uns tun. Im Hinblick auf Europa 1992 und den in der Bundesrepublik abgeschafften Körzwang, kommen weitere Aufgaben auf die Pasovereinigungen zu. Wir werden nicht um die Errichtung von europäischen Stammbüchern für Peruanische Pasos und Paso Finos herumkommen. Es ist sicher auch der richtige Zeitpunkt, dass wir, 17 Jahre nach Einfuhr der ersten Pasos in Europa, beginnen, uns auf eigene Beine zu stellen. Die Grundidee einiger Pioniere, die Pasopferde, Rassen mit hervorragender Freizeiteignung in Europa heimisch zu machen, hat nach wie vor ihre Gültigkeit. Wir wollen auch nie vergessen dass die Essenz der Pasopferde ihre konsolidierte, absolute Töltveranlagung ist, ihr Brío und ihre Menschenfreundlichkeit einzigartig sind und wir alles tun sollten, um diese brillianten Tölter weiter zu entwickeln und in ihrem heutigen europäischen Umfeld richtig einzusetzen.

A. C. Tschümperlin


Nachwort

Alois Tschümperlin hat in seinem informativen Bericht von 1990 über die Entwicklung der Tölterszene die Frage aufgeworfen: Wohin tölten wir in nächster Zukunft? Heute – 15 Jahre später – muss festgestellt werden, dass genau das, was er befürchtet hat, eingetreten ist. Die vielen „neuen“ töltenden Rassen und insbesondere verschiedenste Kreuzungen sorgen für einige Verwirrung. Dies nicht zuletzt deshalb, weil diese Kreuzungen schon kurz nach der Einführung als eigene Rassen beliebt gemacht werden.

Eines der Hauptprobleme liegt wohl darin, dass in der allgemein aufkommenden Tölteuphorie alle Pferde(rassen), die diese Gangart anbieten, unter dem Überbegriff Tölter sozusagen unter einen Hut gebracht werden. Dies ungeachtet der Tatsache, dass zwischen den einzelnen töltenden Rassen grundlegende Unterschiede bestehen. Dies hat dazu geführt, dass die verschiedenen Rassen vor allem in Bezug auf die Ausführung, beziehungsweise Qualität des Tölts beurteilt werden und dass an Töltprüfungen oft Richter eingesetzt werden, welche mit einer spezifischen Rasse gut vertraut sind aber nicht unbedingt befähigt, Pferde anderer Herkunft rassegerecht zu beurteilen. Dies sagt nichts über die Qualität der Richter aus sondern macht einfach deutlich, dass Pferde verschiedener Rassen, auch wenn sie die gleichen Gangarten vorweisen, keineswegs so leicht miteinander zu vergleichen sind. Es würde ja wohl auch kaum jemand verlangen, dass zum Beispiel ein Freiberger und ein Andalusier in ein und derselben Prüfung miteinander verglichen werden sollen, obwohl beide Rassen traben.

Allerdings ist auch auszumachen, dass in den PP und PF Rasseverbänden eine klare Rückbesinnung auf die spezifischen Eigenschaften der betreffenden Rasse festzustellen ist und somit wieder ein Trend zum Alleingang weg von Organisationen wie der IG Tölt. Dies hängt sicher damit zusammen, dass es sich – einmal abgesehen von den Isländern – um die grössten Gangpferderassen handelt. Für die Festigung eines Rasseverbandes ist die Anzahl registrierter Pferde von grosser Bedeutung. Zudem haben beide Rassen einen gewissen Rückhalt in den Herkunftsländern und nicht zuletzt auch in den USA.

In der Schweiz hat ferner die Neuorientierung in der Landwirtschaftspolitik Ende der 90er Jahre und der damit einhergehenden Liberalisierung der Pferdezucht mitgeholfen, die Pasopferde zu etablieren. Den Vertretern von Pferderassen war es fortan möglich, sofern sie die tierzuchtrechtlichen Bestimmungen der schweizerischen Tierzuchtverordnung erfüllen, als Züchtervereinigung der entsprechenden Rasse anerkannt zu werden. Der PCI war einer der ersten Rasseverbände, welcher von diesem Recht Gebrauch gemacht hat. Damit sind die PP und PF Rassen in der Schweiz nicht nur gleichberechtigt, sondern haben auch den selben Anspruch auf Zuchtförderungsmassnahmen wie jede andere anerkannte Rasse.

Die Frage von Alois Tschümperlin, wohin wir in Zukunft tölten, darf weiterhin gestellt werden. Wird es zu einer allgemeinen Vermischung aller möglichen Rassen kommen, oder werden sich einige Stärkere auf dem doch ziemlich hart umkämpften Freizeitreitermarkt behaupten und die „Kleinen“ verdrängen? Sicher ist, dass die Liberalisierung auch in der Pferdezucht ihre Spuren hinterlassen wird. Für die Zuchtorganisationen dürfte es immer schwieriger werden, Züchter an ein bestimmtes Zuchtprogramm zu binden. Ferner besteht durch die verschiedenen Kreuzungsprogramme die akute Gefahr, dass gewisse spezifische Eigenschaften einer Rasse aufs Spiel gesetzt werden weil ein Pferd gesucht wird, welches alles kann. Die Rassenorganisationen tun gut daran, sich auf bestimmte, unvergleichliche Vorzüge ihrer Rasse zu besinnen und dafür zu sorgen, dass diese erhalten bleiben. Damit werden sie zwar kein Allroundpferd erhalten, dafür aber konkurrenzlos bleiben was die typischen Rasseeigenschaften anbelangt.

Diese Einstellung verunmöglicht Kreuzungen im Sinne der Kreuzungszucht natürlich keineswegs. Nur wäre dann das Kreuzungsprodukt das Ziel und nicht Ausgangspunkt einer neuen Rasse.

Robert Zürrer