PCI Gazette 26, März 2006

Die beschwerliche Suche nach dem Tölt-Gen

Robert Zürrer

27_3Die Frage, warum ein Pferd töltet, mag etwas banal erscheinen und für den Besitzer eines solchen Pferdes nicht von allzu grosser Bedeutung sein. Vielfach ist der durchschnittliche Gangpferdereiter schon zufrieden, wenn sein Pferd die gewünschte Gangart möglichst von sich aus anbietet. Ob ein Pferd nun töltet, weil sein Körperbau diese Gangart begünstig, oder weil ihm seine genetische Veranlagung die für den Tölt typische Abfussfolge sozusagen vorgibt. ist für die Meisten wohl eher von rein akademischem Interesse. Für den Züchter hingegen stellt sich aber sehr wohl die Frage welche vererbbaren Faktoren den Tölt bestimmen.

Dass eine mehr oder weniger starke genetische Veranlagung für Tölt vorhanden ist, dürfte heute weitgehend akzeptiert sein. Welche Gene für diese Vererbung verantwortlich sind, weiss man aber eigentlich noch nicht. Etwas vereinfacht könnte man sagen, dass das „Tölt-Gen“ noch nicht gefunden wurde. Gibt es überhaupt ein solches, oder sind es verschiedene Gene, welche die Töltveranlagung bestimmen?

Viele Theorien, wenig Fakten

Beim Studium einschlägiger Literatur findet man diverse Theorien zum Thema Gangvererbung, angefangen schon zu Beginn des letzten Jahrhunderts, wo der „Passgang „ (Bateson 1907) und der „Steppgang“ (van der Plank 1924) als “zwei Gangarten des Pferdes, welche auf einer einfachen, dominanten Mendelanlage* beruhen“, bezeichnet werden. Dass es nicht gar so einfach ist, darüber scheinen sich die meisten Fachleute heute einig zu sein. Seit einiger Zeit findet man auf verschiedensten Internetseiten immer wieder neue Modelle, welche die Vererbung des Tölts mit nicht immer nachvollziehbarer wissenschaftlicher Grundlage zu erklären versuchen. Für die Einen kommt es vor allem auf bestimmte Exterieurmerkmale an, welche unumgänglich für einen bestimmten Gang sind, andere gehen wiederum davon aus, dass die genetische Basis eines Pferdes schlicht und einfach die Schrittfolge festlegt.

Die Wahrheit dürfte, wie bei vielem, irgendwo dazwischen liegen. Zweifellos haben gewisse Eigenheiten des Körperbaus einen Einfluss darauf, wie eine bestimmte Gangart ausgeführt werden kann, und trotzdem gibt es Pferde, welche einen idealen Körperbau für einen Tölter hätten, aber trotzdem nie tölten. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass es, wie wir wissen, verschiedenste Arten der lateralen Fortbewegung gibt. Muss man nun nach einem allgemein gültigen Tölt-Gen suchen, oder gibt es gar verschiedene Gene für Paso Llano, Foxtrott, Runningwalk, Pass usw.? Im Weiteren erschweren natürlich noch verschiedenste Umwelteinflüsse wie Aufzucht, Hufpflege, Training usf. den Blick auf den vererbten Anteil des Merkmals Tölt.

Betrachtet man die bisherigen Erklärungsansätze etwas genauer muss man leider feststellen, dass es sich vor allem um Spekulationen handelt, woraus dann oft Schlüsse gezogen werden, die bestenfalls auf mangelnde Grundkenntnisse des Verfassers in der Vererbungslehre hindeuten. Auch die waghalsigsten Erklärungsversuche für eine Theorie ersetzen eine seriöse wissenschaftliche Arbeit nicht. Es ist allerdings auch schwer vorstellbar, wie in einem wissenschaftlichen Modell all die verschiedenen Umwelteinflüsse korrigiert werden können, um eine brauchbare Erklärung für die Vererbung der lateralen Gangarten zu finden.

Bringt uns die Genkartierung die Lösung?

In der letzten Ausgabe der amerikanischen Zeitschrift „ The Gaited Horse“ wird ein Forscher Namens E.Gus Gorthran, Mitarbeiter am Veterinärmedizinischen Institut der Universität Kentucky, USA, zitiert. Dieser sagte aus, dass Züchter in zwei bis drei Jahren die Möglichkeit haben werden, einen Test für Tölt-Gene machen zu lassen, ähnlich dem heute bekannten DNA Test. Ob das so schnell geht, darf doch etwas angezweifelt werden.

Die Isolierung eines Gens ist eine ziemlich aufwändige Sache und benötigt neben guten Forschern und Zeit vor allem auch Geld. Insbesondere Letzteres locker zu machen, dürfte für die Erforschung eines Erbmerkmales, das keine übermässig grosse wirtschaftliche Bedeutung hat, recht schwierig sein. Vor diesem Hintergrund scheint die Aussage von Dr. Gorthran doch recht gewagt. Liest man den oben erwähnten Artikel jedoch zu Ende, relativieren sich die Zweifel ein wenig. Dort erfährt man nämlich, dass die Firma Sygen – immerhin ein weltweit bekanntes Unternehmen für quantitative Genetik und Biotechnologie – ein gewisses Interesse nicht nur an der Suche nach einzelnen Genen, sondern überhaupt an der Entschlüsselung des gesamten Genoms des Pferdes hat. Die notwendige Technologie sei vorhanden, das Interesse auch, fehlt also noch die Finanzierung. Ein Vertreter von Sygen spricht von benötigten 30 Mio. US$. Wer bereit sein wird, diese zu finanzieren, bleibt allerdings vorläufig offen. Es wird spannend sein, die weitere Entwicklung zu verfolgen.

Das Warten geht weiter, die Zucht auch

Es ist wohl unbestritten, dass die Entwicklung in der Biotechnologie in einem geradezu atemberaubenden Tempo voranschreitet. Allerdings darf die Frage gestellt werden, ob, wenn wir nun die Gene, welche den Tölt bestimmen, eines Tages wirklich kennen, alles so anders sein wird. Wir wüssten dann zwar, ob ein Pferd Töltveranlagung hat oder nicht, ob es dann aber d e r super Tölter wird, kann uns nichts und niemand garantieren. Das Exterieur, die Skelettstruktur und besonders Umwelteinflüsse (Aufzucht, Pflege, Training, Bodenbeschaffenheit usw.) haben wie bereits erwähnt einen bedeutenden Einfluss auf die Qualität der Gänge. In einer Studie des Hannoveranerverbandes in Deutschland wurde gezeigt, dass die Heritabilitätswerte für die Korrektheit der Gänge gerade mal bei 14 % liegen. Der Heritabilitätswert oder auch Erblichkeitsgrad genannt , gibt den Anteil eines Merkmalunterschiedes zwischen einzelnen Tieren an, der auf unterschiedliche Erbanlagen und nicht auf Umwelteinflüsse zurückzuführen ist. Wenn wir einmal davon ausgehen, dass beim Tölt der entsprechende Wert nicht viel höher ist, so tun wir gut daran, den Umweltbedingungen die allergrösste Aufmerksamkeit zu schenken.

Ob das Entschlüsseln des Pferdegenoms den Schlüssel zur optimalen Zuchtauswahl bringen würde, bleibe für‘s Erste einmal dahingestellt. Für die praktische Züchtung gelten aber vorerst immer noch die gleichen Grundsätze wie diejenigen, mit welchen man schon früher sehr gute Pferde gezüchtet hat. Offensichtlich gab es schon im Mittelalter hervorragende Tölter, auch vor 50 und mehr Jahren gab es z.B. in Peru schon aussergewöhnlich leistungsfähige Pasopferde. Der erfolgreiche Züchter braucht heute – wie auch in alten Zeiten – erstens ein gutes

„Züchterauge“ und zweitens etwas Züchterglück.

Robert Zürrer


Quellen:

Bateson, 1907: Trotting and Pacing, Science S. 909
Van de Plank, 1924: Ein Beitrag zur Untersuchung der Vererbung des Steppganges. Z. f. Tierz. und Züchtungsbiologie.
Mimi Busk-Downey, 2000: The essence of gait, Pasos on the Web
Rhonda Hart Poe, 1998: The origins of gait. / 2005: The search for the elusive gaited gene. The gaited horse magazine.

*Mendelanlage ist eine mendelschen Regeln gehorchende Erbanlage. Johann Gregor Mendel war sozusagen der Urvater der neuzeitlichen Vererbungslehre.